Bezirksverband Berlin-Marzahn der Gartenfreunde e. V.
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Verfasst am 26.09.2019 um 15:51 Uhr

Von Lungenkranken, Baumumarmern und Riesenkürbissen

Frohen Mutes stiegen 41 Gartenfreunde und Gartenfreundinnen aus den Gartenanlagen „Am Kienberg“, „Am Forsthaus“, „Hiltrudstrasse“ und „Florafreunde Karlshorst“ am 31. August bei 21 Grad und Sonnenschein in einen nagelneuen Reisebus. Er war so neu, dass nicht einmal der Fahrer ihn kannte. Das verursachte bei einigen Fahrgästen mulmige Gefühle und Ärger über das Fehlen einer Bordküche und von kalten Getränken.

Zwei Reiseziele wurden angesteuert. Der Baumkronenpfad Beelitz­Heilstätten und die Kürbisausstellung auf dem Spargelhof in Klaistow.

1898 bis 1902 wurde der 1. Abschnitt der Lungenheilstätte Beelitz für 600 Lungenkranke, vor allem aus der Arbeiterschaft in Berlin, nach den Plänen des Berliner Regierungsbaumeisters Heino Schmieden errichtet. Der 2. Abschnitt folgte 1905 bis 1908 und ab dann hatten die Heilstätten eine Bettenkapazität für 1200 Patienten.

Nach Plänen von Schmieden wurde eine ganze Reihe von Krankenhäusern in ganz Deutschland gebaut. Aber auch das Konzerthaus in Leipzig und die ganz in unserer Nähe befindliche spätklassizistische Turmvilla ­ uns allen bekannt als das Schloss Biesdorf.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts gehörten die Heilstätten in Beelitz zu den modernsten medizinischen Einrichtungen im Kampf gegen die hochansteckende und oft tödlich verlaufende Tuberkulose. Auf 20 ha Wald und Forst wurde mit 60 Gebäuden die „Arbeiter­Lungenheilstätte" nahe Berlin errichtet. Nur wenige Kilometer westlich davon, im heutigen Bad Belzig, entstand bis 1903 eine Lungenheilstätte für die besserbetuchten Berliner, im Volksmund damals als Davos von Berlin bezeichnet.

Zeitgemäß waren die Beelitzer Heilstätten in eine Männer­ und eine Frauenklinik mit den Bereichen für Handwerksbetriebe, das Heizhaus und den Fuhrpark bei den Männern und für Küche und Wäscherei bei den Frauen unterteilt.

Selbst heute, mehr als 100 Jahre später, steht man auf dem Turm und Baumkronenpfad in 40 bzw.20 Metern Höhe und ist fasziniert vom Anblick der Ruine des „Alpenhaus" oder des eisernen Skelettes vom Wasserbehälter auf seinem Dach. Das Alpenhaus wurde in moderner Stahl-Skelettbauweise errichtet und erhielt durch vorgesetzte Fachwerkfassaden das Aussehen eines englischen Landhauses oder eben eines Alpenhauses. Im Inneren gab es weiträumige, zu den Längsseiten des Hauses geöffnete Liegesäle. In den großen Patientenbungalows, wie sie damals genannt wurden, gab es ebenso einen großen Speisesaal, der es allen Patienten ermöglichte gleichzeitig zu essen. Das Dachgeschoss bot Wohnraum für das Pflegepersonal und für Angestellte der Landesversicherungsgesellschaft Berlin, die Träger der Lungenheilstätte war.

Seit 70 Jahren wächst auf dem Dach des Alpenhauses ein Mischwald, der leider in den letzten beiden trockenen und heißen Jahren sichtlich gelitten hat und am Vertrocknen ist.

Etwas entfernt sieht man über den Baumkronen einen Teil des bereits mit EU-Geldern wieder sanierten ehemals sehr modernen Heizkraftwerkes, das heute unter Denkmalschutz steht. Unter den Bäumen verstecken sich noch eine ganze Reihe von Ruinen alter Gebäude, wie die ehemalige Chirurgie, die Wäscherei und der Küchenkomplex. An ihrer Sanierung und Nutzung für den Tourismus in der Region soll in den kommenden Jahren weiter gearbeitet werden.

Über die Zeiten haben die Heilstätten zwei Weltkriege erlebt und in deren Folge als Militärhospitale gedient. In ihnen hielten sich im Jahre 1916 der Gefreite A. Hitler und im Jahre 1990/91 E. Honecker und Frau auf.

Zwischen den Kriegen wurde die Bettenzahl reduziert bzw. die Heilstätte selbst geschlossen. Erst nachdem 1926 bis 1930 in einem dritten Bauabschnitt die Chirurgie und die Zentralwäscherei gebaut worden waren, wurden die alten Bettenzahlen wieder erreicht. Nach dem zweiten Krieg war Beelitz bis 1994 militärisches Sperrgebiet mit dem größten russischen Militärhospital außerhalb der UdSSR.

In den Folgejahren wüteten Vandalen und Diebe in Gebäuden, Einrichtungen und in den weiträumigen Parkanlagen. Zum Glück fanden sich Menschen, die mit viel Engagement für die Bewahrung und den weiteren Ausbau dieses einzigartigen Kultur- und Gartendenkmals arbeiten. Dazu gehört auch der Laub- und Nadelwald, durch den drei große Rundwege führen, die jeweils mit verschiedenen Untergründen versehen barfuß zu erlaufen sind und mit 60 Naturerlebnissen Wissen vermitteln, Geschicklichkeit erfordern und Jung und Alt einfach nur Spaß machen. Leider haben wir das in der vorgegebenen Zeit und bei Temperaturen um die 35 Grad an diesem Vormittag nicht mehr geschafft.

Nach kurzer Busfahrt, einigen Stücken Kuchen ohne Kaffee im Stehen und der Aktivierung innerer Energie ging es individuell auf den „Spargel- und Erlebnishof Klaistow". Vielen Dank an dieser Stelle an die Bäcker und Spender der leckeren Kuchen und die Organisatoren der einmal etwas anderen Art der Reise, die durchaus wetterangepasst war.

Ein Spargelhof mit Verkauf, ein kleiner Kinderspielplatz und Tiergehege sowie erste Himbeer-und Heidelbeeranpflanzungen im Wald haben sich seit 2000 zu einem wirklichen Erlebnishof für Familien und Besucher jeglichen Alters gemausert. Absolute  Höhepunkte sind die Spargelzeit, die Beerenernte und im Herbst die Gemüse und Kürbisernte. In diesem Jahr findet zum 7. Mal die Riesengemüsewiegemeisterschaft und zum 16. Mal die Berlin-Brandenburgische Kürbiswiegemeisterschaft statt. Das Ambiente für die Meisterschaft 2019 bildet der fabelhafte Wald der aus 100.000 Kürbissen gestalteten riesigen Kürbisfiguren in Gestalt der Tiere des Waldes. Bei der ersten öffentlichen Wiegeaktion im Jahre 2004 wog der Siegerkürbis 91,6 kg. Inzwischen wurden 2010 392,5 kg, 2018 611kg gewogen. Aber den Vogel schoss ein aus der Schweiz antransportierter Kürbis im Jahre 2014 mit 951 kg ab. Am Abend des 22. September dieses Jahres werden wir erfahren, wie schwer der diesjährige Großkürbis ist[1].


Nach individuellen Rundgängen über den Erlebnishof und durch den angrenzenden Wald wurde dem Wunsch der Gartenfreunde und -freundinnen entsprochen und die Heimfahrt um eine Stunde vorverlegt. Bei der Ankunft in Berlin zeigte das Thermometer immerhin noch 34 Grad.


Text: Dr. Renate Neumann, KGA Am Forsthaus unter Verwendung von Infomaterial „Baum und Zeit“

Fotos: Diana Eger, KGA Am Kienberg und Renate Bause-Bitterlich, KGA Am Forsthaus

Redaktionelle Bearbeitung: Doreen Immisch


[1] Anm. d. Redaktion: Der Siegerkürbis 2019 wiegt 621 kg und gehört einer Beelitzerin